ETFs & Fonds
Entnahmestrategien
Von Philipp Busch Aktualisiert am Zahlen aus dem Entnahmerechner
Entnahmestrategien unterscheiden sich weniger im Verfahren als in der Quote: Über die Reichweite entscheidet der entnommene Anteil des Depots, nicht der Betrag. Bei 5 Prozent Rendite trägt eine Entnahme von 2.000 Euro monatlich aus 500.000 Euro dreißig Jahre, während 2.500 Euro das Depot im Jahr 29 erschöpfen. Dazu kommt das Reihenfolgerisiko: Schwache erste Jahre wirken dauerhaft, auch wenn der Durchschnitt stimmt.
Was ein Depot tatsächlich trägt
Die folgenden Werte stammen aus dem Entnahmerechner: 500.000 Euro Startkapital, 5 Prozent angenommene Rendite, 0,2 Prozent Fondskosten, Steuern berücksichtigt, Entnahme ab dem ersten Jahr, dreißig Jahre Betrachtung. Die Werte kommen unmittelbar aus derselben geprüften Rechnung, nicht im Text gepflegt.
| Entnahme im Monat | Quote | Nach 30 Jahren | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 1.500 € | 3,6 % | 687.831 € | Substanz wächst weiter |
| 2.000 € | 4,8 % | 310.205 € | Trägt, Substanz schrumpft langsam |
| 2.500 € | 6,0 % | 0 € | Erschöpft im Jahr 29 |
| 3.000 € | 7,2 % | 0 € | Erschöpft im Jahr 21 |
Zwischen der dritten und der vierten Zeile liegen 500 Euro im Monat — und acht Jahre. Das ist die Nichtlinearität, die eine Überschlagsrechnung im Kopf nicht liefert: Oberhalb der Rendite frisst sich die Entnahme beschleunigt in die Substanz, weil jedes entnommene Kapital auch die künftigen Erträge mindert.
Der Mechanismus, der sich umkehrt
In der Ansparphase ist ein Kursrückgang zu Beginn günstig: Die laufenden Raten kaufen mehr Anteile, die spätere Erholung wirkt auf einen größeren Bestand. In der Entnahmephase gilt das Gegenteil.
Wer in einem schwachen Jahr Anteile verkaufen muss, um die Rate zu bedienen, verkauft zu niedrigen Kursen. Diese Anteile fehlen dauerhaft — die spätere Erholung wirkt auf einen kleineren Bestand. Zwei Depots mit identischer Durchschnittsrendite können deshalb völlig verschieden enden, je nachdem, ob die schwachen Jahre am Anfang oder am Ende lagen.
Dieses Renditereihenfolgerisiko ist der Grund, warum Entnahmepläne konservativer gerechnet werden als Sparpläne. Es lässt sich nicht wegdiversifizieren, aber abfedern — durch einen Liquiditätspuffer, der ein bis drei Jahresraten außerhalb des Marktes hält. Wo dieser Puffer sinnvollerweise liegt, steht unter Tagesgeld oder Festgeld.
Drei Strategien im Vergleich
| Strategie | Wie sie funktioniert | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|---|
| Feste Rate | Gleichbleibender Betrag, oft inflationsangepasst | Planbar | Kann das Depot erschöpfen |
| Prozentuale Entnahme | Fester Anteil des jeweiligen Depotwerts | Kann nie erschöpfen | Einkommen schwankt stark |
| Nur Ausschüttungen | Verbraucht, was der Fonds auszahlt | Kein Verkauf nötig | Höhe nicht steuerbar, steuerlich teurer |
Die dritte Zeile ist die beliebteste und die am häufigsten missverstandene. Eine Ausschüttung ist kein Zusatzertrag: Der Kurs sinkt um denselben Betrag, genau wie beim Dividendenabschlag einer Aktie. Wirtschaftlich ist sie ein erzwungener Teilverkauf — nur ohne Wahl des Zeitpunkts und ohne Wahl der Höhe.
Warum der Teilverkauf steuerlich meist gewinnt
Bei einer Ausschüttung wird der gesamte ausgezahlte Betrag als Kapitalertrag erfasst. Beim Verkauf von Anteilen dagegen nur der darin enthaltene Gewinnanteil — der Rest ist Rückfluss des eingesetzten Kapitals und steuerfrei.
Bei einem lange gehaltenen Depot mit hohem Wertzuwachs nähern sich beide an; bei einem jüngeren Depot ist der Unterschied erheblich. Wer 2.000 Euro entnimmt und darin 40 Prozent Gewinn steckt, versteuert 800 Euro statt 2.000. Beim Verkauf greift zusätzlich die Teilfreistellung, und bereits gezahlte Vorabpauschalen werden angerechnet. Was am Ende bleibt, rechnet der Steuerrechner aus.
Die Reihenfolge der Verkäufe
Bei mehreren Käufen desselben Fonds gilt steuerlich das FIFO-Prinzip: Die zuerst gekauften Anteile gelten als zuerst verkauft. In der Entnahmephase sind das die ältesten und damit meist die mit dem höchsten Gewinnanteil — der steuerpflichtige Anteil ist zu Beginn also höher als später.
Wer mehrere Depots oder mehrere Fonds hält, kann diese Reihenfolge steuern: zuerst die Position mit dem niedrigsten Gewinnanteil verkaufen. Das verschiebt Steuer nach hinten, ohne die Anlage zu ändern. Dieselbe Systematik gilt bei Kryptowerten, dort allerdings mit Haltefrist.
Was vor dem ersten Entnahmejahr zu klären ist
- Puffer außerhalb des Marktes: ein bis drei Jahresraten, damit ein schwaches Jahr keinen Verkauf erzwingt.
- Quote statt Betrag festlegen: Die Frage lautet nicht „Wie viel brauche ich?", sondern „Welcher Anteil des Depots ist dauerhaft entnehmbar?".
- Steuerlast einplanen: Die Rate, die auf dem Konto ankommt, ist nicht die Rate, die das Depot verlässt.
- Freibetrag nutzen: Der Sparerpauschbetrag gilt auch in der Entnahmephase — siehe Freistellungsauftrag.
Wie lange ein Depot eine gewünschte Rate trägt und ab welchem Betrag die Substanz erhalten bleibt, rechnet der Entnahmerechner aus. Die Ansparphase davor bildet der Sparplanrechner ab.
Der Fehlerfall: die Regel, die im Ernstfall nicht gilt
Jede Entnahmestrategie funktioniert auf dem Papier. Ihr Wert entscheidet sich in den Jahren, in denen sie unbequem wird.
Die feste Rate wird nicht gesenkt. Genau das ist der Zweck einer flexiblen Regel — und genau das unterbleibt, wenn die Entnahme fest zugesagte Ausgaben deckt. Flexible Entnahme setzt voraus, dass ein Teil der Auszahlung tatsächlich kürzbar ist. Wo jeder Euro verplant ist, existiert die wirksamste Gegenmaßnahme nur auf dem Papier.
Die Anfangsrate ist zu hoch angesetzt. Eine Rate, die nur bei günstigem Verlauf trägt, ist eine Wette auf die Reihenfolge der Renditen. Wie teuer diese Wette ausfallen kann, steht unter Reihenfolgerisiko: Im dort gerechneten Beispiel trennt allein die Abfolge ein leeres Depot im vierzehnten Jahr von einem mit über einer Million Restwert.
Die Inflation wird vergessen. Eine nominal feste Rate verliert über dreißig Jahre erheblich an Kaufkraft. Eine indexierte Rate dagegen steigt genau dann weiter, wenn das Depot noch nicht erholt ist — beide Varianten haben einen Preis, und er sollte bewusst gewählt sein.
Die Steuer wird nicht eingerechnet. Von einer Entnahme geht Steuer auf den realisierten Gewinn ab, und zwar nach dem Verfahren unter Verkaufen und Steuern. Wer netto rechnen will, braucht einen höheren Bruttobetrag — bei einem lange gehaltenen Depot spürbar mehr, weil FIFO die Tranchen mit dem größten Buchgewinn zuerst greift.
Der Puffer wird nicht benutzt. Wer im Einbruch am Zinspuffer festhält, weil er ihn „für den Notfall" reserviert, verkauft weiter Anteile zum schlechten Kurs und hat das Geld zinsarm geparkt, ohne den Nutzen dafür zu ziehen. Der Puffer ist der Notfall.
Sonderfälle
Die Rente setzt später ein. Wer mit 63 aufhört und ab 67 Rente bezieht, hat vier Jahre hoher Entnahme und danach eine deutlich niedrigere. Das ist der ungünstigste Zuschnitt überhaupt, weil die höchste Belastung in die kritischste Phase fällt. Ein Puffer ist hier nicht Beiwerk, sondern der tragende Baustein.
Ein Teil des Bedarfs ist gedeckt. Wer aus Rente, Mieteinnahmen oder einer Police einen Sockel bezieht und aus dem Depot nur ergänzt, ist deutlich robuster — nicht weil das Depot besser läuft, sondern weil der entnommene Anteil kleiner ist und in schlechten Jahren leichter ausgesetzt werden kann.
Von Ausschüttungen leben. Der Reiz liegt darin, keine Anteile verkaufen zu müssen. Der Preis ist, dass die Höhe der Auszahlung nicht selbst bestimmt wird und die Ausschüttungsquote die Fondsauswahl dominiert. Wirtschaftlich ist eine Ausschüttung kein Ertrag zusätzlich zum Kurs, sondern eine Entnahme aus dem Fondsvermögen.
Sehr lange Entnahmephasen. Über vierzig Jahre nähert sich die Frage der nach einer ewigen Rente an: Dann entscheidet weniger die Regel als die Höhe der Rate im Verhältnis zum Vermögen.
Erben sind eingeplant. Wer etwas hinterlassen will, rechnet mit einem Restwert statt mit einer Reichweite. Das verändert die Zielgröße vollständig — und macht eine niedrigere Rate leichter begründbar.
Was sich nicht ausrechnen lässt
Keine Regel kennt die künftige Renditefolge, und diese Seite nennt keine Wahrscheinlichkeiten. Was sich rechnen lässt, sind gesetzte Szenarien: dieselbe Renditereihe, anders angeordnet, ergibt völlig verschiedene Ergebnisse. Genau das leistet der Entnahme-Stresstest.
Ebenso wenig lässt sich die eigene Lebensdauer planen. Jede Aussage über die Reichweite eines Depots ist deshalb eine über einen gesetzten Zeitraum, nicht über ein Leben. Wer das im Blick behält, versteht auch, warum eine flexible Regel robuster ist als eine exakt gerechnete feste: Sie muss nicht stimmen, sie muss nur reagieren können.
Praktisch bleibt eine schlichte Reihenfolge: erst die Höhe festlegen, die auch im ungünstigen Verlauf trägt, dann einen Puffer für die ersten Jahre bilden, dann eine Regel wählen, die im schlechten Jahr tatsächlich weniger auszahlt. Wer in dieser Reihenfolge vorgeht, braucht keine Prognose — und genau darauf kommt es an, weil niemand eine hat.
Die Zahlen sind Modellrechnungen mit konstanter Renditeannahme. Reale Märkte schwanken; das Renditereihenfolgerisiko lässt sich in einer Durchschnittsrechnung nicht abbilden. Ein Depot kann früher erschöpft sein als berechnet. Dieser Text ist allgemeine Information und keine Anlage- oder Steuerberatung.
Rechtsquellen
- § 20 EStG Einkünfte aus Kapitalvermögen; Absatz 9 regelt den Sparer-Pauschbetrag von 1.000 Euro je Person Bundesministerium der Justiz
- § 20 InvStG Teilfreistellung Bundesministerium der Justiz
- § 18 InvStG Vorabpauschale Bundesministerium der Justiz
Alle Verweise führen auf die amtliche Fassung und wurden am 04.09.2026 aufgerufen. Sie öffnen in einem neuen Tab.
Häufige Fragen
Wie viel kann man monatlich aus einem Depot entnehmen?
Das hängt an drei Größen: Kapital, angenommener Rendite und gewünschter Dauer. Bei 500.000 Euro, 5 Prozent Rendite und 30 Jahren Betrachtung trägt eine Entnahme von 2.000 Euro monatlich die Zeit und lässt rund 310.000 Euro übrig; 2.500 Euro erschöpfen das Depot im Jahr 29.
Entscheidend ist nicht die absolute Zahl, sondern die Entnahmequote: 2.000 Euro von 500.000 Euro sind 4,8 Prozent im Jahr. Je höher sie liegt, desto stärker hängt das Ergebnis am Verlauf der ersten Jahre.
Was besagt die Vier-Prozent-Regel?
Sie stammt aus einer US-Studie zu historischen Marktverläufen und besagt, dass eine anfängliche Entnahme von vier Prozent des Depotwerts, jährlich an die Inflation angepasst, über dreißig Jahre in den meisten untersuchten Zeiträumen ausreichte.
Übertragbar ist sie nur eingeschränkt: andere Marktphase, andere Steuersystematik, andere Kostenstruktur. Als Größenordnung taugt sie, als Zusage nicht.
Was ist das Renditereihenfolgerisiko?
Bei einer Entnahme entscheidet nicht nur die durchschnittliche Rendite, sondern ihre Reihenfolge. Fallen die Kurse in den ersten Entnahmejahren, werden Anteile zu niedrigen Kursen verkauft — dieses Kapital fehlt dauerhaft, auch wenn der Markt sich später erholt.
Derselbe Durchschnitt kann deshalb je nach Reihenfolge zu einem vollen oder einem leeren Depot führen. In der Ansparphase gibt es diesen Effekt nicht, dort wirkt eine frühe Schwäche sogar günstig.
Feste Rate oder prozentuale Entnahme?
Eine feste Rate ist planbar, verzehrt aber in schwachen Jahren überproportional viel Substanz. Eine prozentuale Entnahme passt sich dem Depotwert an und kann nicht zur Erschöpfung führen — dafür schwankt das verfügbare Einkommen.
Praktisch werden beide kombiniert: eine feste Basis für die laufenden Kosten und ein variabler Teil, der in guten Jahren höher ausfällt.
Sind Ausschüttungen die bessere Entnahme?
Sie fühlen sich sicherer an, weil die Substanz scheinbar unangetastet bleibt. Wirtschaftlich ist das ein Trugschluss: Eine Ausschüttung mindert den Kurs um denselben Betrag — der Unterschied zum Verkauf von Anteilen liegt in der Steuer und in der Steuerbarkeit der Höhe.
Beim Verkauf wird nur der Gewinnanteil besteuert, bei der Ausschüttung der volle Betrag. Bei einem lange gehaltenen Depot mit hohem Einstandswert ist der Teilverkauf deshalb häufig steuergünstiger.
Welche Entnahmestrategie ist die beste?
Es gibt keine, die allgemein die beste wäre. Eine feste Rate ist planbar und im Einbruch starr; eine prozentuale Regel passt sich an und schwankt dafür in der Höhe; von Ausschüttungen zu leben verlagert die Entscheidung auf die Fondsauswahl.
Robust ist eine Regel dann, wenn sie in schlechten Jahren tatsächlich weniger entnimmt. Das setzt voraus, dass ein Teil der Auszahlung kürzbar ist.
Wie oft sollte entnommen werden — monatlich oder jährlich?
Seltener ist rechnerisch besser, monatlich ist praktisch besser. Wer einmal im Jahr entnimmt, lässt den Rest länger investiert und zahlt die Ordergebühr einmal statt zwölfmal; wer monatlich entnimmt, trifft den Kurs im Durchschnitt und muss sich nicht auf einen Zeitpunkt festlegen.
Die Größenordnung entscheidet die Frage: Bei einer Jahresentnahme von vier Prozent liegt im Schnitt ein halbes Jahresbudget unverzinst herum, also rund zwei Prozent des Depots — bei sechs Prozent Rendite gut ein Zehntelprozentpunkt im Jahr. Das ist wenig gegen die Ordergebühren bei kleinen monatlichen Beträgen. Ein Mittelweg löst beides: quartalsweise entnehmen und den Betrag auf ein Tagesgeldkonto legen, aus dem monatlich abgebucht wird.
Sinkt die Steuerlast im Lauf der Entnahmephase?
Ja, und dieser Effekt fehlt in fast jeder Entnahmerechnung. Das FIFO-Verfahren verkauft zuerst die ältesten Anteile — die mit dem höchsten Buchgewinn. Mit jedem Jahr rücken jüngere Tranchen nach, deren Einstandswert näher am aktuellen Kurs liegt. Der steuerpflichtige Anteil je entnommenem Euro sinkt dadurch über die Zeit.
Für die Planung heißt das: Die ersten Entnahmejahre sind steuerlich die teuersten, nicht die letzten. Wer den Sparerpauschbetrag jedes Jahr neu einsetzt, mildert genau diese Anfangsphase — und wer vor Beginn der Entnahme ohnehin über eine Umschichtung nachdenkt, sollte wissen, dass er damit den Effekt zurücksetzt.
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