ETFs & Fonds
Welcher Index passt?
Von Philipp Busch Aktualisiert am
Ein ETF ist immer nur so breit wie sein Index. Welcher Index es wird, entscheidet deshalb mehr als die Fondsauswahl — es ist die Frage, welcher Ausschnitt des Weltmarkts überhaupt abgebildet werden soll.
Der Index ist die eigentliche Entscheidung
Ein ETF verspricht nichts weiter, als seinen Index möglichst genau nachzubilden. Was am Ende im Depot liegt, steht folglich im Regelwerk des Indexanbieters: welche Länder als entwickelt gelten, ab welcher Größe ein Unternehmen aufgenommen wird, wie oft überprüft wird.
Wer zwei ETFs vergleicht, vergleicht deshalb zuerst zwei Indizes — und erst danach Kosten und Konstruktion. Ein günstiger Fonds auf einen engen Ausschnitt bleibt ein enger Ausschnitt.
Die drei Bausteine der Weltabdeckung
Praktisch alle breiten Aktienindizes lassen sich auf drei Bausteine zurückführen. Sie unterscheiden sich nicht in der Methode, sondern nur darin, wie weit der Kreis gezogen wird.
| Baustein | Was er umfasst | Was das bedeutet |
|---|---|---|
| Industrieländer | Große und mittlere Unternehmen der als entwickelt eingestuften Märkte | Der Kern nahezu jedes Weltindex; hoher Anteil weniger großer Volkswirtschaften |
| Schwellenländer | Märkte mit eingeschränkterem Marktzugang und höherer Volatilität | Erweitert die Streuung geografisch; abhängig von Wechselkursen und lokaler Regulierung |
| Nebenwerte | Kleinere börsennotierte Unternehmen unterhalb der Standardgrößen | Erhöht die Zahl der enthaltenen Titel deutlich, das Gewicht insgesamt bleibt klein |
Wichtig ist die letzte Spalte. Weil nach Marktkapitalisierung gewichtet wird, verändert ein zusätzlicher Baustein die Zusammensetzung oft weniger stark, als die reine Zahl der neu aufgenommenen Unternehmen vermuten lässt.
Gewichtung nach Marktkapitalisierung
Der Standardansatz gewichtet jedes Unternehmen mit seinem Börsenwert, meist begrenzt auf den frei handelbaren Anteil der Aktien. Der Index bildet damit ab, wie viel Kapital der Markt tatsächlich in welchem Unternehmen gebunden hat.
Das ist eine bewusste Entscheidung mit zwei Seiten. Auf der einen Seite entsteht kein laufender Handelsbedarf, wenn Kurse sich verschieben — die Gewichte passen sich von selbst an, was Kosten spart. Auf der anderen Seite wächst der Anteil dessen, was ohnehin schon groß ist. Ein Index nach Marktkapitalisierung ist damit nie gleichverteilt, auch wenn er hunderte oder tausende Titel enthält.
Wer eine andere Gewichtung möchte — etwa gleichgewichtet oder nach Fundamentalkennzahlen —, verlässt den Standard und nimmt in Kauf, dass der Index häufiger umgeschichtet werden muss. Die dabei entstehenden Handelskosten trägt der Fonds.
Überschneidungen erkennen
Der häufigste Aufbaufehler entsteht nicht durch zu wenig, sondern durch zu viele Bausteine. Ein Weltindex, ein zusätzlicher Regionalindex und ein Branchenindex enthalten in aller Regel dieselben Schwergewichte mehrfach. Das Depot sieht dann breiter aus, als es ist.
Ein einfacher Test: Die zehn größten Positionen der beteiligten ETFs nebeneinanderlegen. Tauchen dort dieselben Namen auf, addiert sich ihr Gewicht im Gesamtdepot — unabhängig davon, wie viele Fondsanteile beteiligt sind.
Wie sich eine gewählte Sparrate über die Jahre entwickelt — unabhängig davon, welcher Index dahintersteht —, zeigt der Sparplanrechner.
Was in keinem Index steht
Ein Aktienindex bildet börsennotierte Aktiengesellschaften ab, sonst nichts. Nicht enthalten sind private Unternehmen, Genossenschaften, Staatsbetriebe und alles, was nie an eine Börse gegangen ist. In vielen Volkswirtschaften ist das ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung.
Ebenso wenig enthalten sind andere Anlageklassen: Anleihen, Immobilien, Rohstoffe. Der Satz „ich bin weltweit gestreut“ beschreibt also die Streuung innerhalb einer Anlageklasse, nicht über alle hinweg. Ein Mangel des Index ist das nicht — es ist schlicht seine Definition.
Ein breiter Index ist die Gegenposition zum Einzelwert — die Abwägung steht unter Einzelaktien oder ETF. Wie stark andere Anlageklassen streuen oder eben nicht, zeigt Neun Assetklassen nebeneinander; das Gegenstück ohne jede Streuung ist die einzelne vermietete Wohnung.
Die Falle beim Vergleichen
Indexnamen sind keine eindeutigen Bezeichnungen. Derselbe Index existiert in mehreren Varianten, und sie unterscheiden sich genau dort, wo verglichen wird: bei der Behandlung der Dividenden. Ein Kursindex lässt sie weg, ein Bruttoindex rechnet sie ungekürzt hinzu, ein Nettoindex zieht eine unterstellte Quellensteuer ab.
Für die Beurteilung eines Fonds ist das entscheidend: Gegen einen Bruttoindex sieht jeder Fonds schlecht aus, weil kein realer Fonds die unterstellte Quellensteuer vermeiden kann. Gegen einen Kursindex sieht er hervorragend aus, weil er Dividenden vereinnahmt, die dort gar nicht gezählt werden. Der aussagekräftige Maßstab ist die Variante, gegen die der Fonds tatsächlich antritt — bei ausländischen Aktien-ETFs meist die Nettovariante.
Wer zwei Fonds vergleicht, muss deshalb zweimal hinsehen: gleicher Index und gleiche Variante. Erst dann misst die Tracking Difference die Fondsqualität statt der Indexdefinition. Warum die unterstellte Quellensteuer überhaupt eine Rolle spielt, steht unter Fondsdomizil und Quellensteuer.
Der Fehlerfall: der Vergleich, der nichts misst
Die meisten Fehler bei der Indexwahl entstehen nicht bei der Auswahl, sondern beim Vergleich zweier Kandidaten.
Verschiedene Indexvarianten nebeneinander. Ein Index in der Netto-Variante rechnet mit Dividenden nach Quellensteuer, ein Brutto-Index ohne Abzug. Die Differenz kann größer sein als jeder Kostenunterschied — verglichen wird dann die Definition, nicht die Marktabdeckung.
Verschiedene Währungen. Derselbe Index, einmal in Euro und einmal in Dollar dargestellt, hat unterschiedliche Wertentwicklungen. Das ist kein Unterschied in der Sache, sondern in der Rechenwährung, siehe Fondswährung und Handelswährung.
Die Zahl der Titel als Qualitätsmerkmal. Tausend Unternehmen klingen nach mehr Streuung als sechshundert. Wenn die größten Positionen in beiden Indizes dieselben sind und dasselbe Gewicht tragen, ist der Unterschied gering — das ist der Kern des Klumpenrisikos.
Kurze Zeiträume. Über drei Jahre entscheidet, welche Region gerade läuft. Über dreißig Jahre entscheidet die Abdeckung. Wer Indizes über kurze Zeiträume vergleicht, misst Konjunktur und hält sie für Struktur.
Sonderfälle
Schwellenländer. Ihre Aufnahme verändert das Risikoprofil stärker als das Renditeprofil: mehr Schwankung, mehr politische Einflüsse, eine andere Währungslage. Ob sie hineingehören, ist eine Frage der Streuungsabsicht, nicht der Renditeerwartung.
Nebenwerte. Sie fehlen in den gängigen Standardindizes weitgehend. Wer sie will, braucht einen zweiten Baustein — und handelt sich den Aufwand ein, der unter Weltportfolio beschrieben ist.
Nachhaltigkeitsvarianten. Sie schließen Titel aus und verändern damit die Abdeckung. Eine Wertentscheidung ist das, keine Optimierung — und sie sollte als solche getroffen werden, nicht als vermeintlich renditeneutrale Variante.
Indexumstellungen. Ein Anbieter kann den abgebildeten Index wechseln. Das ist kein Verkauf und löst keine Steuer aus, verändert aber die Anlage, die man gewählt hat. Ein Blick in die jährliche Post der Fondsgesellschaft lohnt deshalb.
Was sich nicht ausrechnen lässt
Welcher Index künftig besser abschneidet, lässt sich nicht sagen, und diese Seite behauptet es nicht. Historische Vergleiche zwischen Regionen erzeugen Scheingenauigkeit: Sie zeigen, welche Aufteilung in der Vergangenheit richtig gewesen wäre, und genau das ist die Information, die man vorher nicht hat.
Was sich beschreiben lässt, ist die Abdeckung — wie viele Unternehmen, welche Regionen, welche Größenklassen, welche Gewichtung. Das sind Eigenschaften, die heute feststellbar sind. Die Entscheidung zwischen Indizes ist deshalb eine über Streuung und Nachvollziehbarkeit, nicht über erwartete Rendite.
Für die Praxis bleibt eine kurze Reihenfolge. Zuerst die Frage, welche Märkte überhaupt enthalten sein sollen — Industrieländer allein oder mit Schwellenländern, mit oder ohne Nebenwerte. Danach die Frage, wie viele Bausteine man dafür pflegen will. Und erst zuletzt die Frage nach dem konkreten Fonds auf diesen Index. Wer in dieser Reihenfolge vorgeht, trifft die wirksamste Entscheidung zuerst und die unwichtigste zuletzt.
Ein letzter Hinweis zur Erwartungshaltung: Kein Index ist so gebaut, dass er in jeder Marktphase vorn liegt. Wer nachträglich feststellt, dass eine andere Abdeckung besser gelaufen wäre, hat keine Fehlentscheidung getroffen, sondern eine Information bekommen, die es vorher nicht gab. Genau deshalb ist die Abdeckung das bessere Auswahlkriterium als jede Renditebetrachtung — sie steht heute fest.
Nützlich ist zum Abschluss eine Prüffrage, die ohne Prognose auskommt: Welche Unternehmen der Welt sind in diesem Index nicht enthalten, und stört mich das? Wer sie beantworten kann, hat die Indexwahl verstanden. Wer stattdessen die Wertentwicklung der letzten fünf Jahre vergleicht, beantwortet eine andere Frage — und zwar eine, die für die kommenden dreißig Jahre nichts aussagt.
Zwei Indizes mit nahezu identischer Abdeckung unterscheiden sich in der Praxis vor allem darin, wie viele Fonds es auf sie gibt und wie eng deren Handelsspannen sind. Ein realer, wenn auch unspektakulärer Auswahlgrund ist das — und einer, der sich anders als jede Renditeerwartung heute überprüfen lässt.
Dieser Text beschreibt die Konstruktionslogik von Aktienindizes allgemein und nennt bewusst keine konkreten Indizes, Anbieter oder Kennzahlen. Breite Streuung verringert Einzelwertrisiken, schützt aber nicht vor Kursverlusten des Gesamtmarkts. Allgemeine Information, keine Anlageberatung.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Industrieländer- und Weltindizes?
Ein reiner Industrieländerindex bildet die Unternehmen der als entwickelt eingestuften Märkte ab. Ein breiterer Weltindex nimmt zusätzlich Schwellenländer auf, teilweise auch Nebenwerte.
Die Abgrenzung stammt vom jeweiligen Indexanbieter und folgt Kriterien wie Marktzugang für ausländische Anleger, Handelbarkeit und Regulierung — nicht der politischen oder wirtschaftlichen Alltagssprache.
Wie werden Unternehmen in einem Weltindex gewichtet?
In den gängigen Weltindizes nach Marktkapitalisierung, meist begrenzt auf den frei handelbaren Anteil der Aktien. Ein Unternehmen, das an der Börse doppelt so viel wert ist wie ein anderes, hat entsprechend das doppelte Gewicht.
Das hat eine Folge, die viele unterschätzt: Die Zusammensetzung folgt dem Markt. Steigt eine Region oder Branche stark, wächst ihr Anteil im Index automatisch mit — ohne dass jemand eine Entscheidung trifft.
Braucht man neben einem Weltindex noch Schwellenländer?
Das hängt davon ab, welcher Index gewählt wurde. Manche Weltindizes enthalten Schwellenländer bereits, andere decken ausschließlich Industrieländer ab. Ein Blick in das Factsheet klärt das in einer Minute.
Wer einen reinen Industrieländerindex hält und Schwellenländer abbilden möchte, kombiniert ihn mit einem zweiten Baustein. Wer einen bereits erweiterten Index hält, verdoppelt mit einer solchen Ergänzung Teile des Bestands.
Warum überschneiden sich zwei ETFs auf verschiedene Indizes?
Weil Indizes keine sauber getrennten Schubladen sind. Ein Weltindex, ein Regionalindex und ein Technologieindex können dieselben großen Unternehmen enthalten, nur in unterschiedlicher Gewichtung.
Wer mehrere ETFs kombiniert, sollte die Überschneidung kennen. Sonst entsteht eine gefühlte Streuung, während die tatsächliche Konzentration auf wenige Schwergewichte sogar zunimmt.
Was ist in einem Weltindex nicht enthalten?
Alles, was nicht börsennotiert ist: Familienunternehmen, Genossenschaften, Staatsbetriebe und private Beteiligungen. Ebenso fehlen in der Regel Anleihen, Immobilien und Rohstoffe, wenn der Index ein reiner Aktienindex ist.
Auch innerhalb der Börsen gibt es Lücken. Sehr kleine Unternehmen fallen durch die Mindestgrößen der Indexanbieter, und einzelne Märkte werden wegen Handelsbeschränkungen gar nicht erst aufgenommen.
Wie oft ändert sich die Zusammensetzung eines Index?
Die großen Indexanbieter überprüfen ihre Indizes in festen Abständen, häufig quartalsweise, und passen Zusammensetzung und Gewichte an. Zwischen diesen Terminen verschieben sich die Gewichte ohnehin laufend mit den Kursen.
Für Anlegerinnen und Anleger geschieht das im Hintergrund: Der ETF bildet die Änderung nach, ohne dass etwas zu tun ist. Umschichtungen im Index verursachen allerdings Handelskosten, die im Fonds anfallen.
Reicht ein einziger Weltindex?
Für die Streuung in aller Regel ja. Ein breiter Weltindex deckt Industrieländer über alle Branchen hinweg ab; die Frage ist eher, ob Schwellenländer und Nebenwerte dazugehören sollen.
Das ist eine Entscheidung über Abdeckung und Aufwand, keine über erwartete Rendite. Die Abwägung steht unter „Weltportfolio: ein ETF, 70/30 oder ACWI?".
Sagt die Zahl der enthaltenen Unternehmen etwas über die Streuung?
Wenig. Entscheidend ist das Gewicht der größten Positionen und Länder, nicht die Anzahl. Ein Index mit tausendfünfhundert Titeln kann konzentrierter sein als einer mit sechshundert.
Der Grund ist die Gewichtung nach Marktkapitalisierung: Die kleinsten Hunderte Titel tragen zusammen oft nur wenige Prozent des Indexwerts.
Wer entscheidet, welche Unternehmen in einen Index kommen?
Der Indexanbieter, nach seinem eigenen veröffentlichten Regelwerk — und bei den großen Standardindizes entscheidet darüber ein Komitee, nicht allein eine Formel. Aufnahme und Ausschluss folgen Kriterien wie Marktkapitalisierung, Streubesitz und Handelsvolumen, deren Auslegung Spielraum lässt.
Für den Anleger ist das der unsichtbarste Teil seiner Anlageentscheidung: Wer einen Index kauft, delegiert die Auswahl an ein privates Unternehmen, dessen Regeln er nicht mitbestimmt und die sich ändern können. Ein Argument gegen Indexfonds ist das nicht — eine aktive Auswahl delegiert dieselbe Entscheidung an einen Fondsmanager. Es ist ein Argument dafür, das Regelwerk einmal gelesen zu haben, statt „den Markt" für eine Naturkonstante zu halten.
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