ETFs & Fonds
Weltportfolio: ein ETF, 70/30 oder ACWI?
Von Philipp Busch Aktualisiert am
Die Frage nach dem richtigen Weltportfolio wird meist als Renditefrage gestellt und ist keine. Was die drei gängigen Wege wirklich unterscheidet, ist der Aufwand, den sie über dreißig Jahre erzeugen.
Was die drei Wege tatsächlich sind
Hinter den drei Varianten steht dieselbe Idee — den Weltmarkt kaufen, statt Unternehmen auszuwählen. Sie unterscheiden sich nur darin, wo sie die Grenze des „Weltmarkts" ziehen und nach welchem Maßstab sie innerhalb dieser Grenze gewichten.
| Weg | Enthält | Gewichtet nach | Positionen |
|---|---|---|---|
| Ein Industrieländer-ETF | große und mittlere Unternehmen der Industrieländer | Marktkapitalisierung | 1 |
| ACWI | zusätzlich die Schwellenländer | Marktkapitalisierung | 1 |
| 70/30 | dieselben Märkte, zwei Bausteine | eigene Quote, orientiert an der Wirtschaftsleistung | 2 |
Die entscheidende Spalte ist die dritte. Marktkapitalisierung heißt: Der Index bildet ab, was die Anleger weltweit tatsächlich halten, und justiert sich selbst. Steigt ein Markt, steigt sein Gewicht — ohne dass jemand etwas tun muss. Eine eigene Quote heißt das Gegenteil: Sie muss gehalten werden, sonst wird sie zur Zufallsgröße. Welche Indizes im Einzelnen welche Märkte abdecken, steht unter Welcher Index passt?
Warum 70/30 keine breitere Streuung ist
Das häufigste Missverständnis: 70/30 sei die diversifiziertere Variante. Das ist es nicht. Der ACWI enthält dieselben Schwellenländer — nur eben mit dem Gewicht, das ihnen die Börsen geben, statt mit dem, das ihnen die Wirtschaftsleistung zusprechen würde.
Wer 70/30 wählt, sagt also nicht „ich will breiter streuen", sondern „ich halte die Marktgewichtung für falsch". Eine legitime Position ist das — sie ist damit begründet, dass Börsenwert und Wirtschaftsleistung eines Landes systematisch auseinanderfallen können. Aber sie ist eine aktive Entscheidung gegen den Markt, und sie kann genauso gut schlechter ausgehen wie besser.
Der Preis dieser Entscheidung ist dagegen sicher: zwei Positionen, zwei Sparplanausführungen und damit bei fixer Ordergebühr die doppelten Kaufkosten. Bei kleinen Raten ist das kein Randposten — die Rechnung dazu steht unter Sparplankosten beim Broker.
Die Drift, die niemand einplant
Eine Aufteilung von 70 zu 30 ist nur am Tag des Kaufs eine Aufteilung von 70 zu 30. Danach laufen die beiden Bausteine unterschiedlich, und die Quote verschiebt sich. Wie schnell, lässt sich aus reiner Arithmetik ableiten — die folgende Tabelle unterstellt einen konstanten Renditeunterschied von drei Prozentpunkten pro Jahr zugunsten des großen Bausteins:
| Nach | Aufteilung | Was das heißt |
|---|---|---|
| Start | 70 / 30 | die geplante Quote |
| 5 Jahren | 73 / 27 | noch im Rahmen der üblichen Toleranz |
| 10 Jahren | 76 / 24 | ein Fünftel der Schwellenländerquote ist weg |
| 20 Jahren | 81 / 19 | faktisch ein anderes Portfolio |
Niemand hat hier etwas falsch gemacht. Die Quote wandert, weil sie wandern muss — und wer nichts tut, hält nach zwanzig Jahren eine Aufteilung, für die er sich nie entschieden hat. Genau das ist der Grund, warum 70/30 ohne Rebalancing keine Strategie ist, sondern nur ein Startzustand.
Beim marktgewichteten Index gibt es dieses Problem nicht. Er driftet auch — aber die Drift ist die Abbildung des Marktes und damit genau das, was er abbilden soll. Darin liegt der eigentliche Unterschied zwischen den Varianten: Der eine Weg erledigt sich selbst, der andere erzeugt eine Daueraufgabe.
Was gegen die Ein-Fonds-Lösung spricht
Zwei Einwände sind ernst zu nehmen. Der erste betrifft das Klumpenrisiko: Ein marktgewichteter Welt-Index enthält so viel von einem Land, wie dessen Börsen wert sind — und wenn ein einzelner Markt sehr groß wird, ist das Depot weniger gestreut, als die Zahl der Titel vermuten lässt.
Der zweite betrifft die Abdeckung. Gängige Welt-Indizes erfassen große und mittlere Unternehmen. Kleine fehlen, und je nach Indexfamilie fehlen auch einzelne Länder. Wer das ergänzen will, kauft eine dritte Position — und hat damit dieselbe Driftfrage wie bei 70/30, nur mit kleineren Beträgen.
Beide Einwände sind richtig. Sie führen aber nicht automatisch zu einer Mehrfondslösung, weil auf der anderen Seite ein Aufwand steht, der über Jahrzehnte aufgebracht werden muss.
Die Frage, die tatsächlich entscheidet
Nicht: „Welche Variante bringt mehr?" Das weiß niemand im Voraus, und die Unterschiede liegen in einer Größenordnung, die von Kosten und Steuern mühelos überdeckt wird. Sondern: „Welche Variante halte ich dreißig Jahre lang durch?"
- Ein Fonds — wenn der Sparplan laufen soll, ohne dass man an ihn denkt. Die Variante mit der höchsten Wahrscheinlichkeit, tatsächlich durchgehalten zu werden.
- ACWI — wenn Schwellenländer dabei sein sollen, aber keine zweite Position entstehen darf. Derselbe Aufwand, ein breiterer Index.
- 70/30 — wenn man die Marktgewichtung bewusst ablehnt und bereit ist, einmal im Jahr nachzujustieren. Ohne den zweiten Teil ist die Entscheidung wertlos.
Was alle drei Varianten gemeinsam haben: Sie sind gegenüber der Frage, wie hoch die Sparrate ist und wie lange sie läuft, zweitrangig. Wer das nachrechnen will, findet die Größenordnungen im Sparplanrechner.
Was aus einer Sparrate über die Jahre wird, zeigt der Sparplanrechner. Ob eine vorhandene Summe besser auf einmal oder gestaffelt investiert wird, rechnet der Einstiegsrechner.
Der Fehlerfall: die Aufteilung, die niemand pflegt
Alle Varianten funktionieren auf dem Papier. Der Unterschied entsteht über dreißig Jahre in der Ausführung — und dort scheitern die aufwendigeren Varianten häufiger.
Das Rebalancing bleibt aus. Eine 70/30-Aufteilung, die nie nachjustiert wird, ist nach zehn Jahren keine 70/30-Aufteilung mehr. Sie driftet dorthin, wo die bessere Wertentwicklung war — also genau weg von der Absicht. Die Mechanik steht unter Rebalancing.
Das Nachjustieren kostet Steuer. Wer über Verkäufe umschichtet statt über die Sparrate, realisiert Gewinne und zahlt sofort. Bei einem gewachsenen Depot übersteigt das den Nutzen der genaueren Quote regelmäßig.
Die Quote wird zur Meinung. Aus 70/30 wird 80/20, weil eine Region gerade schlecht läuft. Damit ist aus einer Strukturregel eine Marktprognose geworden — und die Variante hat ihren einzigen Vorteil gegenüber dem Einzelfonds verloren.
Zwei Sparpläne kosten doppelt. Bei Ausführungsgebühren je Sparplan verdoppeln sich die Kaufkosten, und bei kleinen Raten fällt das ins Gewicht, siehe Sparplankosten beim Broker.
Sonderfälle
Kleine Sparraten. Unter etwa hundert Euro monatlich ist die Aufteilung auf zwei Fonds praktisch schwer durchzuhalten: Die Mindestraten und die Gebührenstruktur sprechen dagegen. Ein Fonds ist dann nicht die schlechtere, sondern die einzige saubere Lösung.
Große Einmalanlagen. Hier fällt die Gebührenfrage weg, und die genauere Quote lässt sich beim Kauf ohne Umschichtung herstellen. Für sie spricht in dieser Lage mehr als bei einem laufenden Sparplan.
Bestehendes Depot. Wer bereits einen Fonds hält, sollte die Frage nicht als Neuentscheidung behandeln. Die Umstellung kostet Steuer auf alle Buchgewinne — ein Umlenken künftiger Raten erreicht dasselbe Ziel über die Zeit und kostet nichts.
Entnahmephase. Mehrere Bausteine erlauben es, gezielt aus dem Teil zu entnehmen, der gerade gut gelaufen ist. Ein realer Vorteil gegenüber dem Einzelfonds ist das — und einer der wenigen, die erst am Ende der Anlagedauer wirken.
Was sich nicht ausrechnen lässt
Welche Aufteilung die höhere Rendite bringt, ist nicht bestimmbar. Sie hängt davon ab, welche Region sich in dreißig Jahren wie entwickelt hat — eine Information, die vorher niemand hat. Diese Seite trifft dazu bewusst keine Aussage.
Bestimmbar ist der Aufwand: die Zahl der Sparpläne, die Zahl der Kaufvorgänge, die Häufigkeit des Nachjustierens und die dabei anfallende Steuer. Genau deshalb ist die Frage keine über Rendite, sondern eine über Durchhaltbarkeit — und die Variante mit der höchsten Wahrscheinlichkeit, tatsächlich durchgehalten zu werden, ist meist die richtige.
Bleibt eine Empfehlung, die keine über Rendite ist: Wer sich zwischen den Varianten nicht entscheiden kann, sollte die wählen, die er auch in einem schlechten Jahr noch durchhält. Ein Portfolio, das im dritten Jahr aufgegeben oder umgebaut wird, verliert mehr, als jede Gewichtungsdiskussion je gewinnen kann — und diese Größe steht in keiner Tabelle, weil sie von der Person abhängt und nicht vom Markt.
Und noch eine Einordnung zur Größenordnung: Zwischen den drei Varianten liegen bei gleicher Sparrate und gleicher Haltedauer keine Welten. Was zwischen ihnen liegt, sind Aufwand, Fehleranfälligkeit und die Zahl der Gelegenheiten, eine Regel zu brechen. Deshalb ist die ehrlichste Antwort auf die Titelfrage nicht eine der drei Varianten, sondern eine Rückfrage: Wie viel Pflege ist realistisch?
Für den Einstieg gilt deshalb: Lieber mit der einfachsten Variante beginnen und später ergänzen, als mit der aufwendigsten anfangen und sie nach drei Jahren aufgeben. Ergänzen ist jederzeit möglich und kostet keine Steuer, weil dabei nichts verkauft wird. Der umgekehrte Weg — eine bestehende Aufteilung zusammenzuführen — kostet sie sehr wohl.
Die Driftrechnung unterstellt einen konstanten Renditeunterschied und ist eine Veranschaulichung, keine Prognose. Zusammensetzung und Ländergewichte der genannten Indexfamilien ändern sich laufend; die aktuellen Werte stehen in den Factsheets der Indexanbieter. Dieser Text ist allgemeine Information und keine Anlageberatung.
Häufige Fragen
Reicht ein einzelner Welt-ETF?
Für die meisten Anleger ja. Ein Index auf die Industrieländer enthält über tausend Unternehmen aus rund zwei Dutzend Staaten — die Streuung ist damit erreicht, alles Weitere ist Feinabstimmung.
Der Vorteil ist nicht die Rendite, sondern die Durchhaltbarkeit: Ein Depot mit einer Position braucht kein Rebalancing, keine Aufteilungsdisziplin und keine zweite Sparplanausführung.
Was bringt die 70/30-Aufteilung?
Sie gewichtet Schwellenländer höher, als es ihre Marktkapitalisierung hergibt — begründet mit deren Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung. Das ist eine bewusste Abweichung vom Markt, keine breitere Streuung.
Ob sie sich auszahlt, ist eine Wette auf die nächsten Jahrzehnte. Sicher ist nur der Preis: zwei Positionen, zwei Sparpläne und eine Aufteilung, die ohne Nachjustieren wegdriftet.
Was ist der Unterschied zwischen ACWI und einem Industrieländer-Index?
Der ACWI enthält Schwellenländer bereits, gewichtet nach Marktkapitalisierung. Ein reiner Industrieländer-Index lässt sie weg.
Wer Schwellenländer im Depot haben will, aber keine zweite Position pflegen möchte, bekommt mit dem ACWI genau das — in Marktgewichtung statt nach eigener Quote.
Wie stark driftet eine 70/30-Aufteilung weg?
Deutlich schneller, als die meisten erwarten. Laufen zwei Bausteine über zehn Jahre um drei Prozentpunkte pro Jahr auseinander, verschiebt sich eine 70/30-Aufteilung auf rund 76/24 — ohne dass irgendetwas falsch gemacht wurde.
Wer die Quote halten will, muss also handeln. Wer nicht handelt, hat nach einigen Jahren faktisch ein anderes Portfolio als das geplante.
Sollte man Nebenwerte ergänzen?
Gängige Welt-Indizes decken große und mittlere Unternehmen ab, kleine nicht. Wer sie ergänzen will, braucht eine dritte Position — mit demselben Aufwand und derselben Driftfrage wie bei 70/30.
Der Zuwachs an Streuung ist gemessen an der Zahl der Titel groß, gemessen am Anteil am Weltmarkt klein. Das ist der Grund, warum die meisten darauf verzichten.
Was ist der praktische Unterschied zwischen den Varianten?
Nicht die Streuung, sondern der Aufwand. Alle drei Wege decken den globalen Aktienmarkt weitgehend ab; sie unterscheiden sich in der Zahl der Sparpläne, der Kaufvorgänge und der Notwendigkeit, regelmäßig nachzujustieren.
Über dreißig Jahre entscheidet deshalb weniger die theoretisch bessere Aufteilung als die Frage, welche Variante tatsächlich durchgehalten wird.
Woher kommen ausgerechnet 70 zu 30?
Aus der Gewichtung nach Wirtschaftsleistung, nicht nach Marktkapitalisierung. Die Aufteilung stammt aus der Überlegung, Schwellenländer entsprechend ihrem Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt zu berücksichtigen — der liegt deutlich über ihrem Anteil an den Börsenwerten.
Wer 70/30 wählt, trifft damit eine bewusste Abweichung vom Markt und keine neutrale Aufteilung. Zulässig und begründbar ist das, sollte aber als das benannt werden, was es ist: eine Wette darauf, dass sich die Bewertungslücke schließt. Ein einzelner Welt-ETF trifft diese Wette nicht — er nimmt die Gewichte, wie der Markt sie setzt.
Soll ich ein bestehendes Depot umstellen?
Nur mit Vorsicht: Eine Umstellung über Verkäufe realisiert alle Buchgewinne und löst sofort Steuer aus. Bei einem gewachsenen Depot übersteigt das den Nutzen der genaueren Quote regelmäßig.
Wer die Aufteilung dennoch ändern will, lenkt künftige Sparraten um. Das erreicht dasselbe Ziel über die Zeit und kostet keine Steuer.
Was passiert, wenn der Anbieter den zugrunde liegenden Index wechselt?
Steuerlich nichts: Es bleibt dieselbe ISIN, kein Verkauf, die Anschaffungsdaten laufen weiter. Inhaltlich kann sich dagegen einiges ändern — ein Wechsel von einem Industrieländer- auf einen Weltindex verschiebt genau die Aufteilung, um die es auf dieser Seite geht.
Für eine Zwei-Fonds-Lösung ist das der unauffälligste Weg, die eigene Quote zu verlieren: Deckt einer der beiden Fonds nach dem Wechsel Schwellenländer mit ab, liegt deren Anteil im Depot plötzlich über der Zielquote, ohne dass jemand etwas gekauft hätte. Solche Umstellungen werden angekündigt und selten gelesen.
Weiterlesen
Welcher Index passt?
Industrieländer, Schwellenländer, Nebenwerte: Was die gängigen Weltindizes abdecken — und was nicht.
Auswahl
Klumpenrisiko USA
Tausend Unternehmen und trotzdem überwiegend ein Land: Warum die Zahl der Titel wenig über die Streuung sagt.
Risiko
Rebalancing
Nachjustieren ist Risikokontrolle, nicht Renditewerkzeug — und über die Sparrate steuerfrei zu haben.
Praxis