Rohstoffe & Edelmetalle
Contango und Rollverluste
Von Philipp Busch Aktualisiert am
Ein Rohstofffonds kann Geld verlieren, während der Rohstoff teurer wird. Rollverluste im Contango sind kein Fehler des Produkts, sondern die Folge davon, wie es überhaupt gebaut sein kann.
Warum kein Öl im Fonds liegt
Bei Gold funktioniert die physische Hinterlegung: Das Metall liegt in einem Tresor, ist nicht verderblich und braucht wenig Platz. Bei Öl, Erdgas, Weizen oder Kupfer ist genau das nicht darstellbar — Lagerung wäre technisch aufwendig, teuer oder unmöglich.
Solche Fonds halten deshalb Terminkontrakte: Verträge über eine künftige Lieferung. Weil niemand die Lieferung will, muss jeder Kontrakt vor Fälligkeit verkauft und durch einen späteren ersetzt werden. Dieser Vorgang heißt Rollen.
Was beim Rollen passiert
Entscheidend ist, wie die Preise verschiedener Fälligkeiten zueinander stehen — die Terminkurve.
| Kurvenform | Spätere Kontrakte | Beim Rollen | Wirkung pro Jahr |
|---|---|---|---|
| Contango | teurer | günstig verkaufen, teurer kaufen | Abfluss |
| Backwardation | billiger | teurer verkaufen, günstiger kaufen | Zufluss |
Im Contango zahlt der Fonds bei jedem Rollvorgang einen Aufschlag. Bei monatlichem Rollen summiert sich das über ein Jahr zu einer eigenen Renditekomponente, die mit der Preisentwicklung des Rohstoffs nichts zu tun hat.
Ökonomisch ist das kein Betrug und keine Ineffizienz: Der Aufschlag bezahlt Lagerung, Versicherung und Kapitalbindung, die jemand tragen muss. Wer nicht lagern kann, aber am Preis teilhaben will, kauft diese Kosten mit — sichtbar als Rollverlust.
Warum die Kurve überhaupt steigt
Wer heute Öl kauft und in einem Jahr liefern will, muss es lagern, versichern und das gebundene Kapital finanzieren. Diese Kosten stecken im Preis des späteren Kontrakts — deshalb ist Contango bei lagerbaren Rohstoffen der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Umgekehrt entsteht Backwardation, wenn die Ware jetzt knapp ist: Wer sofort liefern kann, verlangt einen Aufpreis, und spätere Kontrakte notieren darunter. Solche Phasen treten bei Lieferstörungen und geopolitischen Ereignissen auf — sie sind meist kürzer als die Contango-Phasen, aber ausgeprägt.
Für den Anleger bedeutet das: Die Rollkomponente ist kein Ausrutscher einzelner Jahre, sondern ein strukturelles Merkmal dieser Produkte. Sie gehört in die Ertragserwartung, so wie die Kostenquote eines Fonds.
Drei Größen statt einer
Die Wertentwicklung eines Rohstofffonds setzt sich damit aus drei Teilen zusammen:
- Preisänderung des gehaltenen Kontrakts — das, was Anleger meinen, wenn sie „Rohstoffpreis" sagen.
- Rollkomponente — je nach Kurvenform Abfluss oder Zufluss, über Jahre oft der zweitgrößte Posten.
- Kostenquote des Produkts — wirkt wie bei jedem Fonds laufend auf das gesamte Vermögen.
Deshalb ist der Blick auf einen Spotpreis-Chart irreführend: Er zeigt nur den ersten Teil. Über mehrere Jahre kann die Lücke so groß werden, dass Rohstoffpreis und Fondswert in verschiedene Richtungen zeigen.
Was das für die Produktwahl heißt
Bei Edelmetallen lässt sich das Problem umgehen: Physisches Metall und physisch besicherte Produkte rollen nicht. Wer nur Gold oder Silber will, braucht keine Terminkontrakte — die Unterschiede der Hüllen stehen unter physisch, ETC oder Fonds.
Bei breiten Körben bleibt der Terminmarkt. Milderungen sind möglich: Indizes, die über mehrere Fälligkeiten streuen, oder solche, die den Rollzeitpunkt nach der Kurvenform wählen. Das reduziert den Effekt, beseitigt ihn nicht.
Für die Einordnung im Depot folgt daraus: Der Rollverlust ist keine Nebenkostenposition, sondern Teil der Anlage. Wer Rohstoffe als Diversifikation beimischt, sollte ihn in die erwartete Rendite einrechnen — genauso wie Aufgeld und Handelsspanne beim physischen Kauf. Die Kostendisziplin ist dieselbe wie bei TER und Tracking Difference von Aktien-ETFs — nur sind die Beträge hier größer.
Warum der Spotpreis die falsche Messlatte ist
Der häufigste Ärger mit Rohstofffonds entsteht aus einem Vergleich, der nicht zusammenpasst: Der Nachrichtenticker meldet den Ölpreis, das Depot zeigt etwas anderes. Beides ist richtig, weil es zwei verschiedene Dinge sind.
Der gemeldete Preis ist der Spotpreis — was heute für sofortige Lieferung gezahlt wird. Ein Fonds hält keine sofortige Lieferung, sondern das Versprechen einer künftigen. Zwischen beiden liegt die Terminkurve, und nur wenn sie flach wäre, liefen die Zahlen parallel.
| Kurvenform | Spätere Kontrakte sind | Wirkung beim Rollen |
|---|---|---|
| Contango | teurer als der laufende | jedes Rollen kostet Substanz |
| Backwardation | billiger als der laufende | jedes Rollen bringt einen Zusatzertrag |
Über längere Zeiträume war Contango bei lagerfähigen Rohstoffen der Regelfall — Lagerung und Versicherung müssen schließlich bezahlt werden, und genau diese Kosten stecken im Aufschlag. Ein Rohstofffonds trägt sie deshalb indirekt mit, obwohl er nichts lagert.
Für die Produktwahl folgt daraus: Wer Gold will, nimmt ein physisch hinterlegtes Produkt und hat das Problem nicht — siehe Physisch, ETC oder Fonds? Wer breite Rohstoffkörbe will, muss die Rollmethodik im Prospekt lesen, weil sie über das Ergebnis mehr entscheidet als die Kostenquote.
Der dritte Ertragsbestandteil wird dabei fast immer vergessen: Da nur ein Bruchteil des Kapitals als Sicherheit gebunden ist, liegt der Rest verzinst. In Niedrigzinsphasen fiel dieser Beitrag kaum ins Gewicht, bei höheren Zinsen kann er einen Teil der Rollverluste ausgleichen. Auch deshalb lässt sich die Wertentwicklung solcher Produkte nicht aus dem Rohstoffpreis allein ableiten.
Die Form der Terminkurve ändert sich und ist nicht prognostizierbar; Rollgewinne der Vergangenheit sagen nichts über künftige Perioden. Rohstoffanlagen liefern keinen laufenden Ertrag und können erheblich an Wert verlieren. Dieser Text ist allgemeine Information und keine Anlageberatung.
Quelle: Deutsche Börse · Stand 06.09.2026 · Rohstoff-Future: Begriff, Fälligkeit und der Grund, warum ein Fonds die Kontrakte tauschen muss, statt die Ware zu halten
Häufige Fragen
Was ist Contango?
Contango beschreibt eine Terminkurve, bei der spätere Kontrakte teurer sind als der laufende. Ursache sind unter anderem Lager-, Versicherungs- und Finanzierungskosten für die Zeit bis zur Lieferung.
Für einen Fonds, der Kontrakte rollen muss, bedeutet das: Er verkauft günstig und kauft teurer nach. Daraus entsteht ein wiederkehrender Abfluss, unabhängig von der Preisentwicklung des Rohstoffs.
Was ist Backwardation?
Der umgekehrte Fall: Spätere Kontrakte sind billiger als der laufende, häufig bei knapper aktueller Verfügbarkeit. Beim Rollen entsteht dann ein Gewinn.
Die Kurve kann zwischen beiden Zuständen wechseln. Verlässlich planbar ist die Rollkomponente daher nicht — sie ist ein eigener Renditefaktor neben dem Preis.
Warum halten Rohstofffonds keine Ware?
Weil Lagerung bei Öl, Gas oder Getreide praktisch oder wirtschaftlich unmöglich ist. Nur bei Edelmetallen ist die physische Hinterlegung sinnvoll darstellbar.
Für alle anderen Rohstoffe bleibt der Terminmarkt. Der Fonds bildet damit nicht den Rohstoffpreis ab, sondern eine Kette von Terminkontrakten.
Warum weicht die Fondsentwicklung vom Spotpreis ab?
Weil drei Größen zusammenkommen: die Preisänderung des Kontrakts, die Rollkomponente und die Kostenquote. Nur die erste entspricht dem, was Anleger unter „Rohstoffpreis" verstehen.
Über mehrere Jahre kann die Abweichung erheblich sein — bis dahin, dass der Spotpreis gestiegen und der Fondswert gefallen ist.
Wie lässt sich der Effekt begrenzen?
Bei Edelmetallen durch physisch besicherte Produkte oder physisches Metall: Dort gibt es kein Rollen. Bei anderen Rohstoffen durch Indizes, die Laufzeiten streuen oder den Rollzeitpunkt optimieren.
Vollständig vermeiden lässt er sich bei nicht lagerbaren Rohstoffen nicht. Er gehört dort zur Anlage, nicht zu den Nebenkosten.
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